Zwischen den KI-Ambitionen der Versicherungsbranche und der tatsächlichen Umsetzung besteht eine erhebliche Lücke. Zu diesem Ergebnis kommt die internationale KPMG-Studie "Unlocking AI Value in Insurance", für die im Mai 2026 insgesamt 44 Führungskräfte der Versicherungsbranche aus 20 Ländern und sechs Regionen befragt wurden. 

Demnach stuft sich fast jedes zweite befragte Versicherungsunternehmen als KI-Vorreiter ein. Bei den Voraussetzungen für einen erfolgreichen Einsatz der Technologie fällt die Bilanz jedoch deutlich schwächer aus.

Große Ambitionen, schwache Grundlagen
44 Prozent der Versicherer sehen sich beim Einsatz künstlicher Intelligenz im führenden Viertel ihrer Branche. Über eine starke Datenbasis und eine belastbare Data Governance verfügen laut der Studie jedoch lediglich elf Prozent. Nur 18 Prozent haben demnach eine klare Vorstellung davon, wie KI die Unternehmensstrategie unterstützen soll, und können dabei auf eine abgestimmte Führungsebene bauen. Lediglich acht Prozent bescheinigen ihrer Belegschaft eine hohe KI-Kompetenz.

Ein weiteres Problem: Bei 45 Prozent der Versicherer liegt die Verantwortung für KI ausschließlich in der Technologieabteilung. Nach Einschätzung von KPMG erschwert dies eine unternehmensweite Transformation.

Kernprozesse kaum neu gestaltet
Der bisherige KI-Einsatz konzentriert sich überwiegend auf einzelne Aufgaben. 71 Prozent verwenden die Technologie hauptsächlich zur Erstellung von Inhalten oder zur Automatisierung routinemäßiger Tätigkeiten. Nur 29 Prozent steuern vollständige Prozesse mithilfe von KI-Agenten oder anderen Automatisierungslösungen.

Grundlegende Veränderungen der Geschäftsmodelle sind bislang selten. Keines der befragten Unternehmen hat Vertrieb und Distribution oder das Underwriting vollständig rund um KI neu gestaltet. Bei Policierung und Schadenbearbeitung liegt der entsprechende Anteil bei lediglich drei Prozent.

Effizienz steht im Vordergrund
Die meisten Versicherer setzen KI bislang vor allem ein, um Kosten zu senken und die Produktivität zu erhöhen. 92 Prozent berichten von Verbesserungen in diesen Bereichen. Nur 25 Prozent nutzen die Technologie dagegen, um mit neuen Produkten, Dienstleistungen oder Angeboten zusätzliches Wachstum zu erzielen.

Nahezu die Hälfte der KI-Budgets fließt KPMG zufolge in den operativen Betrieb und das Backoffice. Für neue Produkte und Erlösmodelle werden lediglich fünf bis zehn Prozent aufgewendet.

Fehlendes Tempo als Wettbewerbsrisiko
Trotz der Defizite wollen viele Versicherer ihre KI-Aktivitäten beschleunigen. 68 Prozent halten ein zu langsames Vorgehen für riskanter als ein zu hohes Tempo. 77 Prozent befürchten, dass eine nicht ausreichend auf KI ausgerichtete IT-Architektur ihre Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der kommenden fünf Jahre beeinträchtigen könnte.

Der wirtschaftliche Nutzen der Investitionen bleibt jedoch häufig unklar. Nur elf Prozent der Befragten haben nach eigenen Angaben eine sehr klare Vorstellung davon, welche Rendite ihre KI-Ausgaben erzielen.

Wo Anspruch und Wirklichkeit beim KI-Einsatz der Versicherer besonders weit auseinanderliegen, zeigt unsere Grafikstrecke. (mb)