Axel Kleinlein, Vorstand des Bundes der Versicherten (BdV), sieht in naher Zukunft keine Pleiten bei deutschen Lebensversicherern. Aber: "Dass Überschussbeteiligungen und Garantien stark beschnitten werden: Ja, dazu wird es kommen", sagt er. "Ich gebe für 2021 jedenfalls keine Entwarnung." Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Versicherungsgruppe Die Bayerische, hält dagegen. "Die Lebensversicherer haben ihre Kapitalanlage umgestellt und investieren statt in Anleihen vermehrt in Aktien und illiquide Anlagen", erklärt er. "Daher gehe ich davon aus, dass sie in Bezug auf ihre Solvenz sehr gut aufgestellt sind."


Das vollständige Streitgespräch finden Sie in der aktuellen Heftausgabe 1/2021 von FONDS professionell, die Ende März erschienen ist, ab Seite 252. Angemeldete Nutzer können den Beitrag auch hier im E-Magazin lesen.


Die Gefahr von Pleiten, die Aussagekraft von Solvenzquoten, Zinszusatzreserve und Provisionsdeckel: In der Versicherungsbranche werden derzeit einige heiße Eisen kontrovers diskutiert. FONDS professionell hatte daher im März zu einem Streitgespräch über aktuelle Themen eingeladen. Und beide Kontrahenten konnten mit schlagkräftigen Argumenten aufwarten.

"Solvency II macht Aktien teurer als Anleihen"
"Die Branche hat die Möglichkeiten, statt in Anleihen in chancenreichere Assets zu investieren, keineswegs ausgeschöpft", konstatiert Kleinlein. Es sei allein die Inflexibilität der Versicherungsbranche und ihre schlechte Kapitalanlagepolitik, die dazu geführt habe, dass massenhaft Geld in Staatsanleihen angelegt wurde – mit den bekannten Ergebnissen. Das sieht Schneidemann anders. Die Wahrheit sei heute außerdem, dass Solvency II Aktien teurer macht als Anleihen. "Die Papiere erfordern eine hohe Unterlegung mit Eigenmitteln, und diese müssen erst aufgebaut werden. Das geht eben nur sukzessive", sagt er.

Auch in Sachen Solvenzquoten herrscht keine Einigkeit. Werden Studien zu diesem Thema erstellt, sei es notwendig, die Frage nach der Stabilität der Versicherer nicht an einer einzigen Zahl festzumachen, findet Schneidemann. "Wenn man keine weiteren Kennzahlen betrachtet, führt das zu einer einseitigen Sichtweise, die Quote ist ohne weitere Interpretation auch nicht aussagekräftig", erklärt er.

"Nur reine Solvenzquote bietet Vergleichbarkeit"
Es sei zwar richtig, zur Beurteilung der Stabilität eines Versicherers mehrere Zahlen heranzuziehen, räumt Kleinlein ein. Aber: "Einzig und allein die reine Solvenzquote ohne Übergangsmaßnahmen bietet eine Vergleichbarkeit über alle Versicherer hinweg", sagt er. "Alles andere ist Augenwischerei." 

Mit der 2011 eingeführten Zinszusatzreserve (ZZR) haben die die Versicherer inzwischen sehr gut vorgesorgt, berichtet Schneidemann. "Die Lasten der Vergangenheit aus den Altbeständen existieren so gar nicht mehr", sagt er. Axel Kleinlein kontert, nicht die Branche habe gut vorgesorgt.  "Es sind die Kunden, die auf Überschüsse verzichten müssen", führt er ins Feld.

"Verwerfungen bei Vermittlervergütungen sind offenbar"
Klar, dass sich die Positionen im Streitgespräch gerade bei den Vertriebsvergütungen diametral gegenüberstehen. "Wir brauchen einen Provisionsdeckel, die Verwerfungen bei den Vermittlervergütungen sind offenbar", sagt Kleinlein. Schneidemann hingegen findet, die Provisionen seien gemessen daran, was Kunden an Prämien zahlen, in den vergangenen Jahren nicht gestiegen.

"Marktuntersuchungen zeigen auch, dass die Provisionen im Durchschnitt angemessen sind", berichtet Schneidemann. "Daher sehe ich keine Notwendigkeit, darauf mit einem bürokratischen Monster zu reagieren", sagt er. "Eine vernünftige Vergütung für die Vermittler ist erforderlich, weil eine vernünftige Beratung auch entsprechend bezahlt werden muss." (am)