Die deutschen Lebensversicherer haben im vergangenen Jahr an Finanzkraft eingebüßt. Die Solvenzquoten (SCR) der Branche haben sich im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert. Der für die Aufsichtsbehörden relevante Durchschnitt liegt bei 428 Prozent und damit rund 61  Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert.

Zudem gibt es gibt mittlerweile 13 Versicherer und damit einen mehr im Vergleich zum Vorjahr, die unter intensivierter Aufsicht der Bafin stehen. Auch besteht die "Drei-Klassen-Gesellschaft" unter den Versicherern weiter. Das zeigt eine Auswertung der Solvenzberichte von 84 Unternehen, die als Gradmesser für die wirtschaftliche Gesundheit der Assekuranz gelten, für das Jahr 2019 durch Policen Direkt, einem Aufkäufer von Lebensversicherungen.

Weitgehend gerüstet für Corona
"Die deutschen Lebensversicherer sind trotz verschärfter Zinssituation weitgehend stabil in die Corona-Krise gegangen", kommentiert Henning Kühl, Chefaktuar von Policen Direkt, die Zahlen. Er hält hierbei vor allem die Solvenzquoten ohne Übergangsmaßnahmen, aber unter Berücksichtigung von Volatilitätsanpassungen, für relevant, "Diese Bilanzierungshilfen berücksichtigen, dass Lebensversicherer ihr Kapital langfristig anlegen und damit kurzfristige Schwankungen und Schocks eher 'aussitzen' können", so Kühl.

Im Detail hat Policen Direkt aus den Geschäftsberichten für 2019 herausgearbeitet, dass im Schnitt die für die Aufsichtsbehörde relevante "Brutto-Solvenzquote", die unter Berücksichtigung diverser Übergansmaßnahmen und Erleichterungen berechnet wird, bei den oben genannten 428 Prozent liegt. Die Netto-Quote ohne Hilfestellungen beträgt 256 Prozent (22 Prozentpunkte weniger im Vergleich zu 2018). Die von Aktuar Kühl genannte Netto-Quote, bei denen die Marktschwankungen ausgeblendet wurden, liegt im Branchenschnitt bei 279 Prozent (minus 41 Prozentpunkte).

Zur Erklärung: Die SCR-Quote beschreibt das Verhältnis von Eigenmitteln des Versicherers zur "Solvenzkapitalanforderung", die sich aus dem Risikoprofil der Kapitalanlagen der Gesellschaft ergeben: Je mehr risikoreiche Assets ein Versicherer hält und je mehr mögliche Zahlungspflichten in Zukunft – etwa in Form von kranken Personen, die eine Berufsunfähigkeitsversicherung bei ihm haben – zu decken sind, desto höhere Eigenmittel sind vorzuhalten. Eine SCR-Quote – netto, ohne behördliche Ausnahmegenehmigungen – von 100 Prozent gilt hier als Untergrenze: Diese bedeutet vereinfacht ausgedrückt, dass eine Gesellschaft in der Lage ist, alle etwaigen Verluste innerhalb eines Jahres auszugleichen. Allerdings ist die Aussagekraft der SCR-Quote umstritten.

Policen Direkt hat die Gesellschaften ferner erneut in drei Kategorien unterteilt: In der ersten Gruppe sind 21 Unternehmen – 20 im Jahr 2018 – mit einer Solvenzquote ohne Bilanzierungshilfen aber mit Schwankungsanpassungen von unter 150 Prozent versammelt. Diese stünden aktuell vor Herausforderungen, sofern sie noch Neugeschäft betreiben wollen. Bei der Wahl der Produkte für das Neugeschäft und bei der Höhe der Überschussbeteiligung seien sie ohnehin eingeschränkt, heißt es im Bericht.

63 Unternehmen mindestens gut aufgestellt
34 Unternehmen und damit sieben mehr als 2018 sieht Policen-Direkt-Chefaktuar Henning Kühl im grünen Bereich. Mit einer Nettoquote, bereinigt um Volatilitäten, von 150 bis 300 Prozent seien sie weitgehend finanzstark und gerüstet für Extremszenarien. Sie sind in der Lage, den eingegangenen Versprechen gegenüber ihren Vertragsnehmern unverändert auch in Zukunft nachzukommen.

Und 29 Unternehmen, sieben weniger als in der vergangenen Studie, können aufgrund ihrer komfortablen Solvenzkapitalausstattung mit einer Nettoquote von mehr als 300 Prozent ihren Kunden sogar höhere Leistungen gewähren, zum Beispiel in Form von Überschüssen oder Garantien im Neugeschäft. Zu diesen gehören etwa die Allianz Leben (Netto-SCR + VA 322%), Condor Leben (495%), LV 1871 (473%) oder die Provinzial Nordwest (3632%). (jb)