Im neuen "Stabilitätsrating der Berufsunfähigkeits-Versicherer" des Map-Reports, der seit 2019 unter dem Dach des Analysehauses Franke und Bornberg erscheint, heimsten die LV 1871, Allianz, Swiss Life, Hannoversche, Continentale und Volkswohl Bund die besten Noten unter 27 untersuchten Gesellschaften ein. So weit, so schön. Doch zwischen den Zeilen der Studie offenbart sich ein anbieterübergreifendes Problem.

Das Map-Verfahren analysiert den bisherigen Geschäftsverlauf, berücksichtigt aber auch Parameter, die einen Ausblick auf die zukünftige Stabilität des BU-Geschäfts erlauben. Und hier liegt der Knackpunkt: Neben dem Beitrag (Kalkulation, Dynamik und Scoring) werden die Stabilität (Konstanz der Überschüsse und Schadenquote) sowie die Finanzstärke (wichtige Unternehmenskennzahlen im Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2019) des jeweiligen Anbieters bewertet. Dabei zeigt sich im Vergleich zu BU-Stabilitätsstudien von 2015 und 2016: Bereits in der Vergangenheit hatten einige Versicherer die Überschüsse im BU-Bestand angepasst, Kunden mussten also höhere Nettobeiträge zahlen oder büßten Leistungen ein. "Auf das Neugeschäft sind diese Anpassungen in der Regel nicht durchgeschlagen, was einen gewissen Beigeschmack geben kann", resümiert Reinhard Klages, Chefredakteur des Map-Reports.

Preiskampf nagt an den Überschüssen
Hintergrund: Im Rahmen des anhalten Niedrigzinsniveaus verabschiedeten sich beinahe alle Versicherer vom aktiven Verkauf klassischer Garantieprodukte der dritten Schicht und rückten das Biometrie-Segment mit seinem Hauptprodukt BU-Versicherung in den Fokus. "Der zunehmende Wettbewerb forciert dabei den Preiskampf in der BU-Sparte zusätzlich", hat Klages beobachtet. Folge: Die Beitragskalkulation der BU-Versicherer 2021, die für 30-Jährige in den Berufsgruppen Bankkaufmann, Maschinenbauingenieur und Tischler untersucht wurde, zeigt, dass der jeweilige Durchschnittsbeitrag des Marktes von einigen Anbietern um bis zu 30 Prozent unterschritten wurde, bei einigen sogar noch deutlich stärker.

"Ein solches Pricing ist in einem wettbewerbsgeprägten, stark ausdifferenzierten Markt nur schwer mit einer strengen Risikoselektion zu rechtfertigen"“, kritisiert der Map-Report. Es zeigten sich deutliche Tendenzen einer Unterkalkulation. Diese Tendenz war bereits im Vorjahr ausgemacht worden. Die Beiträge waren in der Spitze um 50 Prozent (brutto) beziehungsweise 30 Prozent (netto) vom Durchschnittsbeitrag abgewichen.

Die aggressive Preispolitik hat in den vergangenen Jahren bisweilen kuriose Blüten getragen, erinnert der Map-Report. So wurden immer neue Berufsgruppen eingeführt, was zu Wanderbewegungen der "guten" Risiken, also gesunder Kunden, zu jenen Anbietern führte, bei denen sie Geld sparen können. "Das sorgt für eine negative Entmischung der bestehenden Gewinnverbände und damit für Druck auf die Überschussbeteiligung", erläutert Klages.

Wie niedrige Beiträge zu höheren Beiträgen führen können
Zum Vergleich: Die früher breiter angelegten Gewinnverbände mit nur vier Berufsgruppen hatten einen anderen Risikomix, der sich durch die erfolgte Entmischung immer schwerer stabil halten lässt, da der Risikoausgleich nicht mehr wie früher stattfinden kann. "Die immer stärkere Selektion in immer spezifischere Risikogruppen widerspricht dem ursprünglichen Versicherungsgedanken", sagt Klages. Zudem könne auch die anfängliche Freude über niedrige Prämien schnell ins Gegenteil umschlagen, wenn sich Überschüsse nicht mehr halten lassen.

Die Einschätzung des beruflichen Risikos ist aber – neben der Gesundheitsprüfung – eine tragende Säule der Antragsprüfung neuer BU-Versicherungen. Um noch feiner differenzieren und damit noch günstiger anbieten zu können, nutzen Versicherer vielfach ein Scoring-Modell, das sich am Anteil der kaufmännischen oder der körperlichen Tätigkeit und manchmal auch der Reisetätigkeit oder Führungsverantwortung orientiert. "Fragen nach Tätigkeitsanteilen aber öffnen Manipulationen Tür und Tor, die später nicht einfach festzustellen oder zu sanktionieren sind, und bergen das Risiko, dass der Beitrag unter der Bedarfsprämie bleibt", skizziert Klages die Folgen.

Negativselektion vermeiden
Als weiteren destabilisierenden Faktor entlarvt das BU-Stabilitätsrating hohe Dynamiksätze ohne zusätzliche Gesundheitsprüfung. Diese bewirkten eine unkalkulierbare Risikoerhöhung für das Versichertenkollektiv. Drei Versicherer sind laut Map-Report bereit, sogar zehn Prozent Dynamik ungeprüft in die Bücher zu nehmen: Generali, Nürnberger und Universa. "Negative Selektionseffekte sind hier programmiert, was einige Versicherer in der Vergangenheit bereits schmerzhaft, beispielsweise bei selbständigen Handwerkern, erlebt haben", so Klages. Dabei sei eindeutig belegt: Sobald sich die versicherte BU-Rente dem bisherigen Nettoeinkommen des Versicherten nähert oder es gar übersteigt, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Antrags auf BU-Leistung um das Mehrfache an.

Die BU-Überschüsse der Versicherer und deren Stabilität stehen zusammen mit der Schadenquote im Zentrum der Untersuchung und haben mit etwas über 30 Prozent die höchste Gewichtung und somit den größten Anteil am Endergebnis. Kein Wunder: Risikoüberschüsse sind das Ergebnis einer vorsichtigen Kalkulation. Sie entstehen, wenn das tatsächliche Risiko unterhalb der kalkulierten BU-Wahrscheinlichkeit verläuft. "Aber Senkungen der Überschüsse sind der stärkste Indikator dafür, dass die Kalkulation schon in der Vergangenheit nur teilweise aufgegangen ist", weiß Klages. Leidtragende seien am Ende die Kunden. Ihr Beitrag steigt bei gleichbleibenden Leistungen in Richtung des Maximalbeitrages (Bruttobeitrag) oder ihre Leistungen sinken, je nach vereinbartem Überschusssystem.

Der Map-Report rät dazu, nur BU-Versicherer zu wählen, die langfristig durch auskömmliche Kalkulation und eine starke Finanzausstattung sicherstellen können, dass die Zahlbeiträge und damit die Überschusssituation konstant bleiben und trotzdem eine faire Leistungsprüfung darstellbar ist. (dpo)


Das "Stabilitätsrating der Berufsunfähigkeitsversicherer" (Map-Report 918) kostet ab 326 Euro und ist im PDF-Format lieferbar. Interessenten wenden sich an service@fb-research.de oder bestellen direkt über die Website