Die deutsche Wirtschaft hat es durch Corona, Krieg in der Ukraine, Unterbrechung von Lieferketten, Klimawandel, Cyberangriffe, Energiekrise, Inflation und nicht zuletzt auch den Fachkräftemangel hart erwischt. "Wir stehen vor der größten industriellen Transformation seit der Dampfmaschine und dies fordert die Unternehmen bis in die letzte Muskelfaser", sagte Thomas Haukje, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Versicherungsmakler (BDVM), am Mittwoch auf der traditionellen Jahrespressekonferenz in Hamburg.

BDVM-Makler bieten insbesondere für Kunden aus Industrie und Gewerbe Risikomanagement und Versicherungsschutz. "Sicherheit zu vermitteln, wird täglich schwieriger, obwohl die Bilanzen 2021 der meisten Versicherer exzellent waren", so Haukje, der im Hauptberuf Geschäftsführer der Nordwest Assekuranzmakler GmbH & Co. KG ist. Nach seiner Beobachtung verlieren einige Versicherer das Kundeninteresse aus dem Blick.

Höhere Beiträge, dennoch kein voller Schutz
Namen nannte er auch auf Nachfrage von FONDS professionell ONLINE nicht, nahm aber ansonsten kein Blatt vor den Mund: "Die Aktuare und Referral Underwriter der einzelnen Sparten in den Konzernzentralen haben das Ruder übernommen." Kundenverluste aufgrund der Sanierungen würden bereits im Vorfeld der Maßnahmen kalkuliert und billigend in Kauf genommen. Damit bleibt die Absicherung volatil und für die versicherungsnehmende Wirtschaft kaum berechenbar.

Der Ausgleich über die Zeit im Kollektiv tritt in den Hintergrund und wird mit immer neuen Szenarien aus der Schmiede der Aktuare begründet. Die Inflation führt zur Höherbewertung der Reserven sowie der aktuellen und zukünftigen Schadensbedarfe und damit zu absehbaren Prämiensteigerungen, beklagt Haukje. Auch die Rückversicherer passten ihre Kapazitäten und Beiträge an. Dies wirkt sich ebenfalls auf die Erstversicherung aus. Die Folge: "Unsere Kunden müssen lernen, dass sie nicht immer den Versicherungsschutz bekommen, den sie sich wünschen", so Haukje. Selbst wenn deutliche Beitragserhöhungen in Kauf genommen würden, seien die Versicherer in vielen Sparten nicht bereit, die Kunden in vollem Umfang abzusichern.

Manche Branchen immer schwerer versicherbar
Die Verwerfungen zeigten sich insbesondere in der industriellen Sachversicherung. Nach jahrelanger Sanierung sollten die außerordentlichen Beitragserhöhungen eigentlich beendet sein, hatte der Verband gehofft. Doch durch eine Schadenquote von 170 Prozent lägen für 2023 Preissteigerungen von fünf bis zehn Prozent in der Luft. Dennoch gehe der alte Grundsatz, dass höherer Beitrag mehr Kapazität beim Versicherungsschutz nach sich zieht, seit einiger Zeit nicht mehr auf. Bei "schweren Risiken", wie Holz, Chemie, Fleisch und Galvanik, müssten Makler kämpfen, um überhaupt vollen Versicherungsschutz zu bekommen.

"Kapazität für Industrierisiken im Sachbereich ist und bleibt grundsätzlich knapp, neue Kapazität im Überfluss taucht am Horizont nicht auf“, umschreibt der BDVM-Präsident die angespannte Lage. Immerhin seien mittelständische Versicherer an ihr Limit gegangen. Namentlich würdigte er in diesem Zusammenhang Basler, Gothaer, Württembergische und die SV Versicherungen.

Sachversicherung auch für Privatkunden teurer
Auch in der privaten Sachversicherung rechnet der BDVM mit Beitragserhöhungen. "Privatkunden werden 2023 erschrocken sein, wenn sie ihren Brief mit der Rechnung für die Gebäude- und Hausratversicherung öffnen", sagt Haukje. Mehrbeitrag aufgrund der Wertzuschläge und gleitenden Neuwerte, höhere Schadenzahlungen durch Wetterereignisse und inflationsbedingt teurere Reparaturen werfen ihre Schatten voraus. "Das wird neben den Energierechnungen für einen lauten Aufschrei in den Haushalten sorgen", fürchtet der BDVM-Präsident.

Auch in anderen Sparten gehe es ans Eingemachte. In der Gewerbeversicherung generell prüften einige Versicherer kritisch ihre Bestände. Zudem erschwere es Maklern die Vermittlung individuell passenden Versicherungsschutzes, dass es den Versicherern an Underwritern für Sonderlösungen mangelt. "Die Deckungskonzepte aus dem Angebotsregal passen aber längst nicht zu jedem Gewerbekunden", erklärt Haukje. Der Fachkräftemangel schlage eben auch bei den Versicherern durch.

Die Firmen-Haftpflichtversicherung könnte sich zur nächsten Sorgensparte entwickeln. Laut BDVM werden sich Inflation und die Neubewertung von Schadenreserven auf die Bestandsbeiträge auswirken. Betroffen seien vordergründig "schwere" Risiken aus den Branchen Chemie, Pharma, Medizinprodukte, Lebensmittel, Automotive und US-Risiken sowie Unternehmen mit bereits hoher Schadenbelastung.

Unruhe bei gewerblicher Cyberversicherung
In der Cyberversicherung geht laut BDVM die Angst insbesondere vor Kumulschäden um. Die Anforderungen an Cybersicherheit bei den Firmenkunden würden durch die Versicherer massiv hochgeschraubt. Zudem belasteten hohe Schadenaufwendungen die Assekuranz. Das treibe die Preise. "Der Markt ist in extremer Unruhe, es trifft unverändert hoher Kundenbedarf auf eine rasant abschmelzende Kapazität", beobachtet Haukje.

Nachdem in der Cyberversicherung 2021 Beitragserhöhungen von bis zu 300 Prozent durchgesetzt wurden, geht der BDVM derzeit davon aus, dass sich der Markt beruhigt hat – trotz wöchentlicher Großschäden. Laut Versichererverband GDV stieg die Schadenquote 2021 auf 124 Prozent. "Cyberschäden können vermieden oder zumindest deutlich abgeschwächt werden, wenn die Kunden die IT-Sicherheit einhalten", sagte Sven Erichsen vom Spezialmakler Finlex, der dem BDVM-Gespräch zugeschaltet war.  

Versicherer reagierten jetzt erneut mit zum Teil erheblichen Beitragssteigerungen von 50 Prozent und mehr, so Erichsen. Selbstbeteiligungen im Schadenfall würden erhöht und Limits für Einzelrisiken so weit reduziert, dass für versicherte Unternehmen nur noch maximal fünf Millionen Euro je Versicherer zur Verfügung stehen. Vor nicht allzu langer Zeit war noch das Doppelte möglich. (dpo)