Versicherer müssen seit Dezember 2016 ihre Solvabilitäts- oder Bedeckunsgquoten veröffentlichen. Dies schreibt die EU-Richtlinie Solvency II vor. Ziel der neuen Quoten ist es, Marktteilnehmen mehr Aufschluss über die Finanzkraft von Assekuranzunternehmen zu geben. Doch weil die Versicherer bei der Ermittlung ihrer Krisenfestigkeit zum Teil unterschiedliche Modelle anwenden und manche zudem bestimmte Übergangsmaßnahmen nutzen, ist es mit der Aussagekraft der neuen Kennzahlen nicht weit her.

Matthias W. Kroll, Fachanwalt für Versicherungsrecht und Partner der Hamburger Kanzlei Dr. Nietsch & Kroll Rechtsanwälte, spricht im Interview mit FONDS professionell ONLINE über die Bedeutung der Solvenzquoten und die Frage, ob ein Makler haftet, wenn er diese bei einer Beratung nicht beachtet.


Herr Kroll, die Ermittlung der neuen Solvenzquoten nach Solvency II ist komplex, ihre Aussagekraft umstritten. Viele Versicherungsmakler befürchten, dass sie dennoch haftbar gemacht werden können, wenn sie die neuen Kennzahlen vor der Vermittlung einer Police nicht genau prüfen. Ist das gerechtfertigt?

Matthias Kroll: Ich bin der Ansicht, dass man dieses Thema nicht zu hoch hängen sollte. Natürlich schuldet der Versicherungsvermittler seinen Kunden den "Best Advice" oder zumindest einen "Suitable Advice". Wenn also schon nicht die Empfehlung des besten, dann doch eines sehr gut geeigneten Produktes. Dafür muss er sich selbstverständlich mit der Situation des Versicherers beschäftigen. Gerade, wenn Lebenversicherungspolicen vermittelt werden, muss der Makler prüfen, ob der Anbieter langfristig in der Lage sein wird, den Verpflichtungen, die er übernimmt, auch nachzukommen. Jeder Vermittler sollte die Quoten als weiteren Prüfungspunkt auf seine Liste setzen, sie gehören jetzt zur Standard-Klaviatur. Wer sie sich nicht anschaut, macht einen Fehler. Das führt aber nach den Grundsätzen der Maklerhaftung nicht gleich zwingend zur Haftung.

Angenommen, ein Vermittler kommt zu dem Schluss, dass die Police eines Anbieters das beste Produkt für seinen Kunden ist, obwohl die Solvenzquote des Unternehmens deutlich niedriger liegt als bei den Wettbewerbern. Dann gerät der Versicherer in eine Schieflage, der Kunde erleidet einen finanziellen Schaden. Haftet der Makler in diesem Fall?

Kroll: Falls der Vermittler die Solvenzquote des Versicherers nicht richtig geprüft hat, ist das eine Beratungspflichtverletzung. Der Makler haftet aber nur, wenn ein Beratungsfehler auch ursächlich für den Schaden ist, den der Kunde erlitten hat. In dem genannten Fall dürfte dies so sein. Deshalb: Ja, das ist ein denkbares Szenario, das zu einer Beratungshaftung führen kann. Natürlich ist aber zu überprüfen, ob der Vermittler die Probleme des Versicherungsunternehmens tatsächlich hätte voraussehen können. Sie können schließlich auch durch eine plötzliche Sondersituation ausgelöst worden sein. Ob ein Makler haftet oder nicht, ist immer im Einzelfall zu betrachten. Man sollte das Haftungsrisiko durch Solvency II auf keinen Fall überzeichnen und kein "Geschäft mit der Angst" daraus machen. Aber nochmals: Im Blick haben muss der Makler diese Thematik.

Wie prüft ein Makler die Quote von Versicherern denn korrekt?

Kroll: Zunächst einmal sollte der Vermittler wissen, was eine Solvenzquote aussagt. Eine niedrige Kennzahl muss ja keinesfalls bedeuten, dass der Versicherer wirtschaftlich schlecht dasteht oder gar nahe an der Insolvenz ist. Die Solvenzquote drückt aus, ob ein Unternehmen über ausreichend risikobasierte Eigenmittel verfügt, um einen extremen Krisenfall zu überstehen, der statistisch gesehen alle 200 Jahre einmal eintritt. In die komplexe Ermittlung der Quoten fließen sehr viele Faktoren ein. Es ist nicht so, dass man einen Anbieter mit einer schlechten Kennzahl gar nicht mehr empfehlen darf. Der Makler sollte beim Unternehmen aber schon nachfragen, aus welchen Gründen die Quote derzeit niedrig ist. Vor allem sollte er seinen Kunden vor Abschluss einer Police explizit darauf hinweisen. Dann kann dieser selbst entscheiden, ob er den Vertrag möchte oder nicht.

Die Solvenzberichte der Versicherer müssen Vermittler also auch künftig nicht eingehend studieren, um in Sachen Haftung einigermaßen sicher zu sein?

Kroll: Nein, eine tiefe Recherche dieser Berichte kann meines Erachtens niemand von einem Makler erwarten, das ist nicht zu leisten. Für die Ermittlung der Solvenzquote können Versicherer auch verschiedene Modelle anwenden. Neben dem Standard-Modell dürfen sie selbstentwickelte Varianten oder einen Mix aus beiden Versionen, sogenannte Part-Modelle nutzen. Aus meiner Sicht ist das ein riesengroßer Dschungel, das ist nicht transparent. Man muss sich ja vor Augen führen, dass bei den Versicherern ganze Abteilungen mit vielen Kapitalmarkt-Experten an den Solvenzberichten und -quoten arbeiten. Man kann daher von einem einzelnen Makler nicht verlangen, dass er all diese Informationen bis ins Detail versteht und sie gegenüberstellt.

Was empfehlen Sie Versicherungsvermittlern also?

Kroll: Sie sollten sich die Veröffentlichungen der Bafin zum Thema Solvency II besorgen und danach die von ihnen empfohlenen Versicherer überprüfen. Eventuell kann dann im Einzelfall eine tiefergehende Prüfung erforderlich sein, die der Vermittler über die von den Versicherern veröffentlichten Solvenz-Berichte, kurz SFCR-Berichte genannt, vornehmen kann. Wenn ein Unternehmen eine Quote von 100 Prozent nicht erreicht, sollten sie das zur Kenntnis nehmen, in diesem Falle die SFCR-Berichte genauer prüfen und ihre Kunden auf diese Thematik hinweisen. Aus einer schlechten Quote eines Versicherers generell eine Haftung für den Makler abzuleiten, wenn er Produkte dieses Versicherers vermittelt hätte, läge aber neben der Sache. Nebenbei bemerkt: Ein Jahr nach Einführung von Solvency II hat der Finanzaufsicht Bafin zufolge keine unter dieses Aufsichtssystem fallende deutsche Versicherung eine Unterdeckung ausgewiesen.
 
Vielen Dank für das Gespräch. (am)


Einen ausführlichen Artikel zu den neuen Solvenzquoten der Versicherer, lesen Sie im neuen Heft 3/2017 von FONDS professionell. Angemeldete KLUB-Mitglieder finden den Artikel auch im E-Magazin.