Was kommt nach der Bundestagswahl auf Versicherungsvermittler zu? Antworten trug der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) am Freitag (28.5.) auf einer Fachtagung zusammen. "Die Wahlprogramme aller Parteien liegen noch nicht vor, aber wir würden schon Impulse für die Programme liefern", gibt sich BVK-Präsident Michael H. Heinz kämpferisch. Wenn überhaupt, gehe es in den Programmen immer nur um Produkte, aber fast nie um eine professionelle Begleitung für die Daseinsvorsorge.

Provisionsdeckel, Regulierung und Obligatorium seien für die Politik offenbar wichtigere Begriffe als hinreichende Altersversorgung, passende Risikoabsicherung und professionelle Vergütung für professionelle Beratung. "Für mich ist vieles, was als Regulierung verkauft wird, Drangsalierung", meinte Heinz auf der diesjährigen BVK-Jahreshauptversammlung.

Rückt Grünen-Politiker vom Entwurf des Wahlprogramms ab?
Auf einem Online-Podiumsgespräch zum Thema "Zukünftige Rahmenbedingungen für die Versicherungsbranche" wurde dazu kontrovers diskutiert. "Es ist an der Zeit, Überregulierungen auch wieder zurückzufahren", sagte Carsten Brodesser, Berichterstatter der Arbeitsgemeinschaft Finanzen der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag und Mitglied des Finanzausschusses, selbstkritisch. Berlin müsse die sozialpolitischen Ziele und Wege im Blick behalten, um die Daseinsvorsorge nicht zu gefährden.

"Das Gros der Vermittler arbeitet provisionsbasiert", so Brodesser. Dies sei "auch eine langfristige Kundenentscheidung". Dagegen wollten die Grünen laut dem Entwurf ihres Wahlprogramms die Finanzberatung umkrempeln. "Wir möchten einen Systemwettbewerb zwischen Provision und Honorar", sagte Stefan Schmidt, Mitglied im Finanzausschuss. Zudem wolle man einen Bürgerfonds statt der Riester-Rente. Auf die Frage, was dann aus den Riester-Beständen werden solle, antwortete Schmidt: "Wir haben kein Patentrezept."

Scharfe Kritik an der SPD wegen Aussitzens der Riester-Reform
Zur gescheiterten Riester-Reform hat Brodesser eine andere Meinung. "Der Bundesfinanzminister Olaf Scholz hat die Diskussion durch Schweigen ausgesessen und damit das nötige sozialpolitische Ziel aus dem Koalitionsvertrag unterwandert", kritisierte Brodesser und nannte das eine "Frechheit". Beim Thema Systemwettbewerb der Vergütungssysteme zeigte sich Brodesser erstaunt über die Wandlung der Grünen, die ja die Provisionsberatung eigentlich abschaffen wollten.

Bei einer Honorarberatung fielen zu viele, die es nötig hätten, durch den Rost, weil sie sich das Honorar nicht leisten könnten, so Brodesser. Da hakte Heinz ein: "Keiner will sie, aber jeder bekäme sie." Der Großteil der Bevölkerung würde von der Beratung ausgeschlossen oder verzichte freiwillig darauf – auch zu Versicherungen. Heinz nannte ein Beispiel: Bei der Beratung für eine Privathaftpflichtversicherung, die rund 80 Euro im Jahr kostet, wären nochmals 80 Euro für die Beratungsstunde fällig. "Wer wird das freiwillig machen?", fragte Heinz rhetorisch in die Runde. Das sei nichts anderes als "sinnlose Zwangsbeglückung" und Ausdruck einer "Politik der Arroganz am Bürger vorbei".

Provisionsdeckel wäre "ordnungspolitisch falsch"
Ähnlich sei es mit dem Provisionsdeckel, den die Parteien aus dem linken Spektrum nach wie vor fordern. "Das wäre ordnungspolitisch falsch, da es bei der Bafin ohnehin schon genug Regularien gibt, gegen Auswüchse vorzugehen", so Brodesser. "Einen solchen Deckel gibt es nirgends sonst in der Wirtschaft", erinnerte Oliver Brüß, Vertriebsvorstand der Gothaer Versicherungen. Um einige schwarze Schafe auszuschließen, müsse man nicht die ganze Herde bestrafen, so Brüß. Beratung koste nun mal Geld, wie man zunehmend auch bei der Bankberatung erkennen könne. "Professionelle Beratung ist keine karitative Tätigkeit, sondern bietet lebensbegleitende Absicherung für den Kunden", ergänzte Heinz.

Im Zusammenhang mit der der Riester-Rente verwundern den BVK auch Statements des GDV, wonach digital vertriebene Standardprodukte eine Lösung sein könnten. "Dass der GDV dabei die wichtige Beratungsleistung der Vermittler zur Disposition stellt, ist ein inakzeptabler Dammbruch", erklärt Heinz. Damit führe der GDV öffentlich seine selbst postulierte Nachhaltigkeitsstrategie, nach der es ohne Aufklärung kein Bewusstsein für das Risiko gebe, ad absurdum.

BVK-Kritik an GDV zu Online-Vertrieb ohne Beratung
Ein digitales Standardprodukt könne die individuelle Kundenlage nur sehr grob und schemenhaft erfassen – und dann noch ohne Beratung? "Deswegen fordern wir IDD-konform, dass weiterhin kein Vertrieb ohne Beratung stattfinden darf", so Heinz. Es sei schon der zweite Versuch des GDV, einen Online-Vertrieb ohne Beratung zu etablieren. "Das wird wieder scheitern", versicherte der BVK-Präsident. Der BVK macht hingegen Vorschläge für eine Riester-Reform und mahnt eine echte Reform der kapitalgedeckten Altersvorsorge durch die nächste Bundesregierung an.

Zudem wurde auf der Jahreshauptversammlung einstimmig ein Leitantrag "Überregulierung und Pandemie – Versicherungsvermittlung im Wandel" verabschiedet. Darin wird die Politik aufgefordert, den sozialpolitischen Auftrag der Versicherungsvermittler als Lotsen bei der Absicherung von Lebensrisiken ihrer Kunden anzuerkennen. Verlangt werden auch eine deutliche Entbürokratisierung und eine Stärkung der Vermittlerbetriebe. Heinz wünscht sich von der neuen Regierung, dass "marktwirtschaftlicher Sachverstand die Oberhand behält". (dpo)