Wirtschaftsweise zerlegt Rentenreform: "Wir müssen länger arbeiten!"
Über die Rentenpläne der Bundesregierung kann Topökonomin Monika Schnitzer nur den Kopf schütteln. Auf dem FONDS professionell KONGRESS verrät sie, wie eine echte Reform aussehen müsste.
Die Wirtschaftsprofessorin und Regierungsberaterin Monika Schnitzer hat auf dem FONDS professionell KONGRESS in Mannheim deutliche Kritik an den Rentenplänen der schwarz-roten Koalition geübt. Das Rentensystem in Deutschland habe schon vor der jüngst angestoßenen Reform "kurz vor dem Kollaps" gestanden, sagte die Vorsitzende des Sachverständigenrates Wirtschaft ("Wirtschaftsweise"). Das Ende vergangenen Jahres von der Bundesregierung verabschiedete Paket mit Mütterrente und Haltelinie sende vor diesem Hintergrund ein "falsches Signal".
Schon bald würden die Pläne der Koalition für jährliche Mehrausgaben von zehn bis 15 Milliarden Euro im Jahr sorgen, so Schnitzer, die auf Einladung von Allianz Global Investors auf der Bühne stand. Gestopft werden solle die Lücke über Zahlungen aus dem Bundeshaushalt, um die Sozialbeiträge der Arbeitnehmer nicht zu sehr steigen zu lassen. Dabei mache der Zuschuss zur Rentenkasse heute schon ein Viertel des Haushaltes aus.
Kapitalmarktbasierte Vorsorge stärken
Eine echte Lösung des Dilemmas umfasst Schnitzer zufolge drei Punkte. Erstens: "Wir müssen länger arbeiten!" Im Durchschnitt bezögen die Bundesbürger heute acht Jahre länger Rente als noch vor 40 Jahren, betont die Wirtschaftsweise. Da sei es unabdingbar, die Lebensarbeitszeit anzupassen. Zweitens müsste der Rentenanstieg begrenzt werden. Schnitzer plädiert dafür, das Ruhegeld nicht mehr an die Lohnentwicklung zu koppeln, sondern an die Inflation – "oder irgendwas dazwischen".
Drittens gelte es, die kapitalmarktbasierte Vorsorge zu stärken. "Man hört oft, es sei auch gut für die jungen Menschen, wenn das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent sinkt", so Schnitzer. Das stimme so aber nicht: "Die Jungen wären viel besser dran, wenn sie kapitalmarktbasiert anlegen würden."
Lob für die Frühstart-Rente
Immerhin einen Aspekt gibt es im aktuellen Rentenpaket, den Schnitzer gutheißt: die geplante Frühstart-Rente. Das verwundert nicht, schließlich griff die Koalition damit eine Idee des Sachverständigenrats auf – die Wirtschaftsweisen hatten das Konzept "Kinderstartgeld" getauft. Jedes Schulkind soll künftig zehn Euro im Monat vom Staat bekommen, die breit diversifiziert am Kapitalmarkt investiert werden.
Bei dieser Initiative steht Schnitzer zufolge nicht unbedingt der Vermögensaufbau im Vordergrund, sondern die finanzielle Bildung: "So führen wir Kinder an die Kapitalmärkte heran", sagt sie. Sie sollen lernen, mit den Schwankungen an der Börse umzugehen, und eine realistische Vorstellung von der dort zu erzielenden Rendite entwickeln. "Das hat einen ganz anderen Effekt, als wenn man sich einen Vortrag anhört", ist Schnitzer überzeugt. Wichtig sei jedoch, dass die gute Idee der Frühstart-Rente nicht bei der nun anstehenden Umsetzung konterkariert werde. (bm)




Vortrag am FONDS professionell KONGRESS









