Für 2022 bekommen Kunden der Lebensversicherer erneut sinkende Zinsen gutgeschrieben – wie schon 2021 und 2020. Über alle analysierten Produktarten und Tarifgenerationen sinkt die laufende Verzinsung für 2022 im Marktdurchschnitt auf 2,61 Prozent (2020: 2,74 Prozent). Das ergab die inzwischen zwanzigste Auflage der Marktstudie "Überschussbeteiligungen und Garantien " der Assekuranz-Ratingagentur Assekurata.

Die hohen Garantiezins-Versprechen früherer Jahre holen die Lebensversicherer bereits seit 2011 ein. Seither müssen sie Zinszusatzreserven (ZZR) bilden, um alte Zusagen dauerhaft erfüllen zu können. Je nach Abschlussjahr liegt der durchschnittliche Garantiezins – von Fachleuten als Rechnungszins bezeichnet – im Bestand heute im Schnitt bei etwa 2,56 Prozent, hat Assekurata ermittelt. Die Lebensversicherer müssen diese Leistungszusagen im Bestand finanziell absichern.

Wie die ZZR den Druck vom nötigen Mindestzins nimmt
Mittel zum Zweck ist die ZZR. Unter Anrechnung dieser Reserven muss die Branche im Schnitt bei ihren Produkten mit Garantiezins nur 1,43 Prozent erwirtschaften – eine Entlastung von 113 Basispunkten. Im Jahr 2020 war die Entlastung mit 108 Basispunkten noch nicht so hoch, auch 2019 waren es nur 97 Basispunkte. "Die spürbare Entlastung resultiert aus dem umfangreichen Reserveaufbau der vergangenen Jahre", erklärt Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata.

Für das Bilanzjahr 2021 ermittelte Assekurata branchenweit eine ZZR-Zuführung von zehn Milliarden Euro. Der für die ZZR-Dotierung maßgebliche Referenzzins ging auf 1,57 Prozent zurück. Das bedeutet: "Wie schon im Vorjahr musste für alle LV-Tarifgenerationen mit höherem Rechnungszins – also alle Abschlüsse vor 2015 - Zinszusatzreserven gebildet werden", so Heermann weiter. Insgesamt beläuft sich die Branchen-ZZR Ende 2021 auf 97 Milliarden Euro, was etwa 10 Prozent der bilanziellen Deckungsrückstellung entspricht.

Warum die ZZR damit die Überschussbeteiligung killt
Dieses Geld wird zur Garantie-Abdeckung der 1,75- bis 4,0-Prozenter herangezogen – als zusätzliche Deckungsrückstellung. Es fehlt aber für die Überschussbeteiligung. Das Geld kommt aus dem laufenden Rohüberschuss und schränkt die Möglichkeiten ein, die freie RfB (Rückstellungen für Beitragsrückerstattung) auszustatten. Das wiederum heißt: Je höher der Rechnungszins beim früheren Abschluss einer Lebensversicherung war, desto weniger kann der Kunde an den Überschüssen beteiligt werden, weil die zunehmend als zusätzliche Reserve in der ZZR benötigt werden.

Neukunden mit Tarifen alter und neuer Klassik können auch nicht frohlocken. Sie bekommen ab 2022 zwar nur noch 0,25 Prozent Rechnungszins garantiert und laufen vorerst nicht Gefahr, Überschüsse an die ZZR zu verlieren. Doch der niedrige Zins erschwert die Kalkulation von 100-Prozent-Garantien so stark, dass kaum noch Gesellschaften alte klassische Policen anbieten. Damit ist das traditionelle Geschäftsmodell der Lebensversicherer am Ende. Der Ausweg über die sogenannte Neue Klassik hilft da nicht, weil meist noch weniger als 0,25 Prozent und häufig gar kein Garantiezins mehr geboten werden.

Ende der ZZR erst 2026 bis 2029 absehbar
Die weitere Entwicklung der ZZR hängt neben der individuellen Bestandsstruktur der Lebensversicherer maßgeblich vom allgemeinen Zinsumfeld ab. "Ein höheres Zinsniveau würde den ZZR-Aufbau erleichtern, sofern die Bewertungsreserven als Finanzierungsquelle dadurch nicht aufgezehrt werden", sagt Heermann. Ganz vom Tisch wäre der ZZR-Aufbau aber auch bei steigenden Zinsen noch nicht.

Assekurata hat drei Szenarien durchgespielt. Im Basis-Szenario, das eine Fortschreibung des aktuellen Zinsniveaus unterstellt, würden 2029 erstmals auch Verträge mit 0,9 Prozent Rechnungszins nachreservierungspflichtig. Im Negativ-Szenario tritt dieser Fall bereits 2026 ein, im Positiv-Szenario würde sich der Referenzzins ab 2026 bei etwa 1,25 Prozent einpendeln und keine weitere ZZR erfordern.

Extrem hohe Zusatzreserven zur Erfüllbarkeit der Verträge
Für die kommenden beiden Jahre sei im Basis-Szenario mit jeweils weiteren sieben Milliarden Euro ZZR-Zuführung zu rechnen. Bereits bis 2026 würde der Gesamtbestand auf über 120 Milliarden ansteigen. "Bei einem Fortlaufen des aktuellen Zinsniveaus erreicht der ZZR-Bestand dann 2028 mit einem Volumen von rund 125 Milliarden seinen Höchstwert", hat Heermann ausgerechnet. "Mit dem aktuellen ZZR-Bestand von 97 Milliarden wären danach knapp 78 Prozent der Wegstrecke geschafft", so das Fazit.

Sämtliche Szenarien belasten laut Assekurata Kundenansprache und Vertrieb zusätzlich. Die ZZR-Zuführungen mindern das Kapitalanlageergebnis eines Lebensversicherers, was zulasten der Versichertengemeinschaft geht. Eine spätere Auflösung würde ebenfalls in das Kapitalanlageergebnis einfließen, woran die Kunden zu mindestens 90 Prozent zu beteiligen sind. Für den Vertrieb kommen diese Erleichterungen, die wohl frühestens 2026 greifen, zu spät. Er muss ja in der Zwischenzeit Kunden von der Werthaltigkeit neuer Altersvorsorgeverträge überzeugen.

Ausweg: Fondspolicen ohne Garantie
Da kommen einmal mehr nur Fondspolicen in Betracht, aus Kostengründen womöglich sogar nur ETF-Policen. Die Versicherer selbst sehen die besten Geschäftsaussichten in Fondspolicen ohne Garantien, gefolgt von Fondspolicen mit Garantien. Der Produktwandel ist in vollem Gange. Offenbar steigt der Optimismus der Gesellschaften, mit ihren neuen Produkten bei den Kunden punkten zu können, so Heermann. Vielleicht sei das ja der seit langem prophezeite Durchbruch bei Fondspolicen. Eine aktuelle Übersicht der Angebote von fondsgebundenen Rentenversicherungen gibt es hier.

Die 130-Seiten-Studie mit zahlreichen Einzelauswertungen auch zu Indexpolicen, Garantien und zur Zinszusatzreserve kann hier (externer Link) zum Preis von rund 1.807 Euro inklusive Mehrwertsteuer bestellt werden. (dpo)