FONDS professionell Deutschland, Ausgabe 3/2022

Die Situation in den USA und Europa un- terscheidet sich tatsächlich. In den Vereinig- ten Staaten ist die Inflation vor allem nach- fragegetrieben, darum muss die Noten- bank auch kräftiger gegensteuern. Sie wird das schaffen, aber wahrscheinlich nicht so schnell, wie viele sich das erhofft hatten. Die Zwei-Prozent-Marke wird im kom- menden Jahr wohl noch nicht wieder er- reicht sein. In Europa liegen die Probleme in der Tat vor allem auf der Angebotsseite. Wir stecken mitten in einer Energiekrise, hinzu kommen die erwähnten Lieferket- tenprobleme. Die geldpolitischen Straf- fungsmaßnahmen werden daher im Ver- gleich zu den USA zurückhaltender ausfal- len, nicht nur wegen der drohenden Rezes- sion, sondern auch weil die Europäische Zentralbank weiß, dass ein zu starker Zins- anstieg den Euro-Peripherieländern grö- ßere Probleme bereiten würde. Was heißt das für die Geldanlage Ihrer Kundinnen und Kunden? In diesem Jahr erleben wir Historisches – leider: Sowohl auf der Aktien- als auch auf der Rentenseite gibt es erhebliche Verluste. In anderen Krisen boten Anleihen einen Diversifikationseffekt, ein gutes Beispiel war die Finanzkrise 2008. Doch das funktio- niert in diesem Jahr nicht. Die Anleihen- renditen waren so extrem niedrig, dass kaum noch Kupons gezahlt wurden. Das sorgt für eine deutlich höhere Duration, also Kapitalbindungsdauer, als früher. Bei steigenden Zinsen führt das automatisch zu einer viel heftigeren Preisreaktion. Ich erkläre das gern am Beispiel einer zehnjäh- rigen Bundesanleihe: Wenn diese keinen Kupon zahlt, liegt ihre Duration bei zehn Jahren. Steigt das Renditeniveau um einen Prozentpunkt, bedeutet das rund zehn Pro- zent Kursverlust. Die Zinsen zogen aber bekanntlich nicht nur um einen Prozent- punkt an, sondern deutlich stärker. Daher rühren die historisch hohen Kurseinbrüche langlaufender Anleihen. Die 100-jährige Staatsanleihe Österreichs hat vor diesem Hintergrund ja fast schon tragische Be- rühmtheit erlangt. An dieser Gesamtsitua- tion wird sich vor dem Hintergrund der deutlich aggressiveren Notenbankrhetorik und weiteren großen Zinsschritte bis Jah- resende wahrscheinlich nichts Merkliches ändern. Das klingt nach düsteren Aussichten für Anleger. Es gibt auch eine gute Nachricht: Ein sol- ches Jahr bekommen Sie nicht zweimal hintereinander! Außerdem tun sich, auch wenn das abgedroschen klingen mag, in jeder Krise auch erhebliche Chancen auf. Das wird diesmal nicht anders sein. Welche Chancen sehen Sie denn? Wir haben wieder Zins! In einigen Berei- chen des Rentenmarktes könnten wir wie- der zweistellige Renditen sehen, etwa bei Hochzinsanleihen oder Schwellenländer- papieren. Auch mit Unternehmensanlei- hen solider Bonität können Sie erstmals seit vielen Jahren fast wieder vier Prozent in Europa und über fünf Prozent in den Ver- einigten Staaten erzielen. Auf der Aktien- seite haben sich viele Titel deutlich ver- billigt.Wer langfristig investiert, sollte Stress- phasen für Zukäufe nutzen. » Wer langfristig investiert, sollte Stressphasen für Zukäufe nutzen. « Thorsten Weinelt, Commerzbank fondsprofessionell.de 3/2022 379

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