FONDS professionell Deutschland, Ausgabe 1/2026

Pandemie auftreten würde, war nahezu sicher. Die eigentliche Frage lautet daher: Welche sehr nahe liegenden Risiken wie Kriege, Schuldenkrisen oder Energie- knappheit wollen wir partout nicht sehen, obwohl sie statistisch fast zwingend sind? Einer IhrerSchlüsselbegriffelautet „Fragili- tät“.WieerklärenSiedaseinemLeserohne Finanzmathematik-Studium? Ein System ist fragil, wenn der Schaden schneller wächst und größer ist als der Impuls, der ihn ausgelöst hat. Ein Sturz aus zehn Metern richtet viel mehr Scha- den an als zehn Stürze aus einem Meter, obwohl die Summe der Meter identisch ist. Übertragen auf Märkte: Ein Tagesver- lust von zehn Prozent wirkt ganz anders als zehn Tage mit minus einem Prozent. Wer auf solche Ausschläge überproportio- nal reagiert, ist fragil aufgestellt, wer ĞEHUSURSRUWLRQDO SURljWLHUW DQWLIUDJLO (V geht um Konvexität, ein mathematisches Prinzip, das man schon als Optionshänd- ler lernt. Dieselbe Logik gilt für Staaten, Unternehmen, Portfolios oder Kriege. Wo liegen heute die größten strukturellen FragilitätenderWeltwirtschaft? Zum einen in der schleichenden Verschie- bung wirtschaftlicher Gewichte. Seit dem Erscheinen von „Black Swan“ ist Chinas Anteil an der Weltwirtschaft von sechs auf über 20 Prozent gestiegen, während die USA und Europa zusammen auf etwa 14 bis 15 Prozent gefallen sind. Das folgt einer S-Kurve entlang der Zeitachse: Länder mit vielen armen Menschen wachsen schnell, wenn sie Schulen, Krankenhäuser und Infrastruktur bauen. Reiche Länder am oberen Ende können kaum noch Wachs- tum erzeugen, ohne Armut zu importie- ren. Zum anderen haben wir im Westen eine gefährliche Kombination aus hohem Schuldenstand und schwachem Wachs- tum – die klassische Ausgangslage für eine Schuldenspirale, wie wir sie in den USA und mit Verzögerung in Japan sehen. Was genau meinen Sie mit dieser Schul- denspirale? Schulden sind nicht per se schlecht. Die Hypothek auf ein Haus oder die kurz- fristige Finanzierung von Lagerbeständen nenne ich „benigne“ Schulden. Kritisch wird es, wenn Staaten neue „maligne“ Schulden aufnehmen, um im großen Stil die Zinsen auf alte Schulden zu bedienen. Dann nähern wir uns einem Ponzi-Schema. Historisch gibt es kein einziges, das nicht irgendwann kollabiert wäre. In den USA übersteigen die Zins- zahlungen inzwischen zentrale Etatposten wie Verteidigung. Und jeder Prozent- punkt Zinsanstieg frisst weitere zig Mil- liarden, während kein Politiker gewählt ZLUG GHU HUQVWKDIW 'Hlj]LWH DEEDXHQ ZLOO Sie haben Donald Trumps Zollpolitik scharf angegriffen.Wasgenaustört Siedaran? Zölle können in eng begrenzten, sicher- heitsrelevanten Bereichen sinnvoll sein. Aber die jetzige US-Politik tut so, als könne man mit pauschalen Tarifen die gesamte Industrie heimholen. Das ist ökonomische Alchemie. Mein Bild: der Zahnarzt, den man zwingt, einen Tag pro Woche als Gärtner zu arbeiten. Er produziert weniger Wert, nur um eine » In der US-Bevölkerung ist die Geduld mit militärischen Abenteuern aufgebraucht, weil drei Regimewechsel- projekte hintereinander – Irak, Afghanistan und Libyen – als gescheitert erlebt wurden. « Nassim Nicholas Taleb, New York University fondsprofessionell.de 1/2026 177 FOTO: © CHRISTOPH HEMMERICH FÜR FONDS PROFESSIONELL

RkJQdWJsaXNoZXIy ODI5NTI=