FONDS professionell Deutschland, Ausgabe 1/2026
ideologische Vorgabe zu erfüllen. Hinzu kommt Trumps Unberechenbarkeit. Nie- mand investiert Milliarden in neue Fabrik- gebäude, wenn er fürchten muss, dass die Politik nach fünf Jahren gekippt wird. In einer ohnehin fragilenWelt ist eine derart stochastische Wirtschafts- und Handels- politik Gift. Ihr Konzept „Skin in the Game“ zielt genau auf solche Fehlanreize. Wie definieren Sie esauf einekurzeFormel gebracht? Ich unterscheide zwischen Menschen, die von der Realität beurteilt werden, und solchen, die von ihresgleichen beurteilt werden. Ein Restaurant kann alle Preise der Welt gewinnen und trotzdem pleite- gehen, weil am Ende nur zählt, ob die Gäste wiederkommen. Ähnlich an der Wall Street: Ein Trader wird anhand sei- ner tatsächlichen Gewinne und Verluste bewertet, nicht vom Kollegen-Applaus. Bürokratien und ein erheblicher Teil der Politik bestehen dagegen aus Akteuren, die sich gegenseitig bewerten, befördern und bezahlen – ohne eigenes Verlustri- siko. Das sind historisch genau die Sys- teme, die irgendwann zusammenbrechen. Wie sieht Ihr eigenes „Skin in the Game“ in derGeldanlageaus? Ich halte wenig von theoretischen Markt- meinungen, aber viel vom Blick in Port- folios. Ich sage immer: „Erzählen Sie mir nicht, was Sie denken, sondern was Sie besitzen.“ In meinem Fall sind das vor allemGold, Silber und sehr sichere Staats- anleihen, bevorzugt deutsche, ergänzt um einen kleinen, aber hochspekulativen Teil im Sinne einer sogenannten Hantelstrate- gie. Seit die Schweiz 2022 russische Gut- haben eingefroren hat, gibt es keine wirk- lich verlässliche westliche Reservewährung mehr. Wer politischer Willkür entgehen will, parkt den Kern seines Vermögens lieber in Edelmetallen als in Dollar, Euro oder Franken. Ist Gold damit ein Kandidat, den Dollar als Reservewährung langfristigzuersetzen? Historisch war Gold nie primär Transak- tions-, sondern vor allemSpeicherwährung. Schon die Phönizier handelten in Silber, horteten aber Gold. Ähnliches sehen wir heute. Seit 2022 haben die Zentralbanken der BRICS-Staaten ihre Reserven systema- tisch in Edelmetalle umgeschichtet, Russ- land aus Zwang, China und Indien aus Vorsicht gegenüber Schuldenkrisen und erratischer US-Außenpolitik. Wenn genug große Akteure ihre Ersparnisse inGold hal- ten, verschiebt sich der funktionale Anker des Systems dorthin, ganz gleich was auf Geldscheinen steht. Nur gibt es dann schlicht nicht genug Gold für alle. Zum Schluss dennoch die Frage, die Ihnen wahrscheinlich jeder stellt: Was wird der nächstegroßeBlackSwansein? Ich weigere mich, diese Frage zu beant- worten, weil sie das Denken in die falsche Richtung lenkt. Der Sinn meiner Bücher ist nicht, dem Leser die nächste Katastro- phe zu verraten, sondern zu zeigen, wie er mit unvermeidlicher Ungewissheit umge- hen kann. Mehr Ungewissheit macht Entscheidungen oft einfacher. Wenn ich der Wasserqualität eines Brunnens nicht traue, trinke ich daraus nicht. Wenn ich einem Piloten nicht traue, steige ich nicht in sein Flugzeug. Für Anleger wie für Staaten heißt das: Man reduziert gezielt die Exponierung gegenüber fragi- len Bereichen und verschiebt das Gewicht in robuste Alternativen. Genau das ist die Logik der Hantelstrategie und der rote Faden meiner „Incerto“-Buchreihe. VielenDank für dasGespräch. HANS HEUSER FP » Erzählen Sie mir nicht, was Sie denken, sondern was Sie besitzen. « Nassim Nicholas Taleb, New York University V I TA : Nassim Nicholas Taleb NassimNicholas Taleb, geboren 1960 imLibanon, ist Professor of Risk Engineering an der NewYork Uni- versity. Zuvor arbeitete er über zwei Jahrzehnte als Derivatehändler in den großen Finanzzentren der Welt. Als Essayist und Risikodenker wurde er mit seinem2007 erschienenen Buch „The Black Swan“, das sichmillionen- fach verkauft hat und in 50 Sprachen übersetzt wurde, weltbekannt. MARKT & STRATEGIE Nassim Nicholas Taleb | New York University 178 fondsprofessionell.de 1/2026 FOTO: © CHRISTOPH HEMMERICH FÜR FONDS PROFESSIONELL
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