FONDS professionell Deutschland, Ausgabe 1/2026
jahr also viereinhalb Jahre eingezahlt. Die heutigen Rentner haben aber zum einen nicht 45, sondern nur 40 Jahre gearbeitet. Und sie beziehen nicht für zehn, sondern für 20 Jahre Rente. Das heißt, sie haben für ein Rentenbezugsjahr nur zwei Jahre gearbeitet. Ist dasgerecht? Es ist jedenfalls nicht gleich. Wenn Sie das Verhältnis immer gleich haben woll- ten, hätten Sie das Rentenzugangsalter an die Lebenserwartung anpassen müssen. Das nennen wir Lebenserwartungsfaktor. Diesen haben wir in Deutschland schon Anfang der 1990er-Jahre vorgeschlagen, aber die Politik hat ihn bis heute nicht umgesetzt. Schweden führte ihn Anfang der 90er-Jahre ein, Norwegen auch. Dazu kommt: Wer dort früher in Rente geht, tut das mit einem gehörigen Abschlag. Diese Adjustierung haben wir verpasst. Kannmandas jetzt nochnachholen? Wir müssen nachholen, was wir verpasst haben. Der Vorschlag von Bundeswirt- schaftsministerin Katherina Reiche einer Rente mit 70 ist richtig. Wer die massive Zunahme der Lebenserwartung von 1990 bis heute verstreichen lässt, ohne etwas zu tun und ohne das nachzuholen, der ist auf der Linie, die Kanzler Merz jetzt einschlägt. Erst bleibt mal alles, wie es ist, und wenn wir den Lebenserwartungs- faktor einführen, dann erst nach 2035. Das ist rein wahltaktisch vielleicht richtig gedacht, denn nach 2035 sind die ganzen geburtenstarken Jahrgänge ja draußen, und die sind besonders wichtig für die meisten Politiker. Deshalb wohl auch die Kehrtwende bei Merz, der früher immer von einem Ausgabenproblem bei der Rente redete und jetzt nur noch die Ein- nahmen adressieren möchte. Der vorgezogene Ruhestand ist beliebt – aber auch tragbar? Man sucht immer nach Argumenten gegen die Verlängerung der Lebensarbeits- zeit. Die Menschen scheinen ein ungeheu- UHV $UEHLWVOHLG ]X HPSljQGHQ XQG PĞVVHQ so früh wie möglich raus. Und das sub- ventionieren wir ja auch mit Milliarden- beträgen, indem wir die Abschläge für den vorgezogenen Ruhestand nicht auf die angemessenen 0,4 oder 0,5 Prozent pro Monat festlegen, sondern auf 0,3 Pro- zent oder sogar auf null, wenn man die 45 Arbeitsjahre voll hat. Und dann haben wir im November 2025 noch beschlos- sen, dass wir diejenigen, die früher in den Ruhestand gehen, damit belohnen, dass wir sie mit der Aktivrente steuerfrei dazu- verdienen lassen. Wie man auf so eine Idee kommen kann, ist mir nicht klar. Die Null-Prozent-Abschläge sind falsch, Punkt! Der richtige Abschlag ist 0,5 Pro- zent pro Monat für jeden, der vor 67 in Rente geht. Das wäre versicherungsmathe- matisch korrekt. WiemüsstedieperfekteWeltderdeutschen Rentensystematikaussehen? Wir müssten zügig bis 2030 auf die 70 zusteuern, dann kriegen wir noch ein paar Leute aus den geburtenstarken Jahr- gängen dazu, länger zu arbeiten. Wenn wir das ab 2035 machen, bringt es uns nichts mehr. Wir müssen auch den Nach- haltigkeitsfaktor wieder einführen und stärken. Darüber hinaus muss man den Leuten sagen: Eure Rente ist eine Basis- rente, darüber hinaus müsst ihr selbst vorsorgen. Das wird den Menschen hel- fen, die jung sind, aber nicht den Alten. Die Kapitaldeckung braucht 30 Jahre, bis sie wirkt. Und man muss die Aktivrente streichen und den Abschlag für den vor- gezogenen Ruhestand auf 0,5 Prozent pro Monat erhöhen. Bundessozialministerin Bärbel Bas sagt ja, man finanziert die Haltelinie des Renten- niveaus mit Steuergeldern statt Beiträgen. Da sei es gar nicht so schlimm, wenn man das Systemmit 120MilliardenEuro imJahr bezuschusst. Wenn man gar nicht genügend Steuern für einen ausgeglichenen Bundeshaushalt einnimmt, läuft das am Ende auf eine 6FKXOGHQljQDQ]LHUXQJ KLQDXV 8QG GLHVH » Wir müssen nachholen, was wir verpasst haben. « Bernd Raffelhüschen, Universität Freiburg FONDS & VERSICHERUNG Bernd Raffelhüschen | Universität Freiburg 260 fondsprofessionell.de 1/2026 FOTO: © CHRISTOPH HEMMERICH FÜR FONDS PROFESSIONELL
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