FONDS professionell Deutschland, Ausgabe 3/2026
gramm, als das sie präsentiert wird, noch die Steuererhöhung für Spitzenverdiener, für die sie kritisiert wird. Die eigentliche Enttäuschung des Pakets liegt aber in dem, was nicht darin steht. WelchePunktevermissenSiedennkonkret? Die Reformelemente mit dem mit Abstand besten Verhältnis von fiskali- schen Kosten und Beschäftigungswirkung sind Transferentzugsraten, Familienbe- steuerung und Tarifindexierung. Gerade diese wurden erneut nicht angefasst. Bei den Transferentzugsraten geht es darum, die Aufnahme einer Beschäftigung nicht durchdenschlagartigenEntzugstaat- licher Transferleistungenzuentwerten… Genau. Eine Bündelung von Bürgergeld, Wohngeld und Kinderzuschlag zu einer integrierten Leistung mit geglättetem Ent- zugsverlauf ist der Reformbaustein mit dem höchsten Wirkungsgrad – und er kostet, hinreichend sorgfältig kalibriert, nahezu nichts. Auch die „Zweitverdiene- rinnenfalle“ des Ehegattensplittings bleibt unberührt. Da das Einkommen der zweit- verdienenden Person ab dem ersten zu versteuernden Euro dem gemeinsamen Grenzsteuersatz unterliegt und dieser Effekt durch die Steuer- und Abgabenfrei- heit von Minijobs verstärkt wird, bleibt hier das größte ungenutzte Arbeitsange- botspotenzial liegen. WaswäredieLösung? Ein begrenztes Realsplitting, dessenMehr- einnahmen vollständig in ein höheres Kindergeld und einen höheren Kinderfrei- betrag fließen, erhöht das Arbeitsangebot in unseren Simulationen um rund 49.000 Vollzeitäquivalente – davon rund 43.000 von Frauen – und ist unter Berücksich- tigung der Verhaltensanpassungen auf- kommensneutral. (Anm. der Redaktion: Beim Realsplitting-Konzept kann der Besser- verdienende bis zu 13.805 Euro steuerlich auf den Partner übertragen, der diese als sonstige Einkünfte zu einem meist geringeren Satz versteuert.) Zur Tarifindexierung: Sie soll einen auto- matischen Ausgleich der kalten Progres- sion infolge der Teuerung garantieren. Was hilft das? Der Sache nach wird ein regelmäßiger Ausgleich der kalten Progression weit- gehend praktiziert. Trotzdem bringt ein „Tarif auf Rädern“ Vorteile. Eine im Ein- kommensteuergesetz verankerte Tarifinde- xierung mit der Verbraucherpreisinflation gleicht lediglich die kalte Progression im engeren Sinne aus. Sie lässt unberührt, dass die Durchschnittsbelastung auch bei realem Einkommenswachstum steigt und die Einkommensteuerquote damit auto- matisch zunimmt. Damit kehrt sie die Beweislast um – für eine Erhöhung der realen Steuerbelastung müsste das Parla- ment aktiv werden, was der Transparenz und der demokratischen Kontrolle dient. Sie würde zugleich verhindern, dass eine ohnehin gebotene Anpassung als politi- sche Entlastungsleistung präsentiert wird. Im Raum steht auch die weitreichende Abschaffung der Minijobs. Was ist Ihre Ein- schätzung: Sind die Minijobs eine Brücke in densozialversicherungspflichtigenArbeits- marktoderehereineSackgasseindieNied- riglohnbeschäftigung? Sollte man sie tat- sächlichweitgehendabschaffen? Minijobs sind in der Regel sicherlich keine Brücke in eine sozialversicherungspflich- tige Vollzeitbeschäftigung. Gleichzeitig sind sie ein wichtiges Instrument der Fle- xibilität imArbeitsmarkt. Es ist nicht sinn- voll, alle Minijobs über einen Kamm zu scheren. Bei Studenten und Rentnern ist nicht einzusehen, warum Minijobs abge- schafft werden sollten. Bei Menschen, die einen normalen Job haben und nebenbei » Deutschland braucht wirtschaftspolitische Reformen, die es wieder attraktiver machen, hier zu arbeiten, zu investieren und hier Innovationen umzusetzen. « Clemens Fuest, Ifo Institut MARKT & STRATEGIE Clemens Fuest | Ifo Institut 124 fondsprofessionell.de 3/2026 FOTO: © MATTHIAS KATZMAIR FÜR FONDS PROFESSIONELL
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