FONDS professionell Deutschland, Ausgabe 3/2026

Europa brauche eine stärkere Abschreckungsfähigkeit, um Kriege zu verhindern, sagt der frühere Nato-Oberbefehlshaber Philippe Lavigne. Um entscheidende Innovationen zu finanzieren, ist auch privates Geld vonnöten, argumentiert er. D ie Kalkulation potenzieller Aggres­ soren müsse erschwert werden, erklärt der ehemalige französische Luft­ waffengeneral und Supreme Allied Com­ mander Transformation (SACT) der Nato, Philippe Lavigne. FONDS professionell traf ihn bei einer Veranstaltung von Amundi in Paris. Herr Lavigne, Sie waren für die Zukunfts­ fähigkeit derNato zuständig.Welchemilitä­ rischenGefahrenhaltenSie fürammeisten unterschätzt? Philippe Lavigne: Die Gefahren sind grund­ sätzlich gut bekannt. Russland führt sie uns als Aggressor in der unmittelbaren Nachbarschaft vor Augen. Wichtig ist zu erkennen, dass wir in eine multipolare Welt eintreten: Es gibt keine klare Unter­ scheidung mehr zwischen Frieden, Krise und Konflikt. Die Grenzen verschwim­ men. Wir sind laufend mit hybriden Bedrohungen unter der Schwelle zum Krieg oder Konflikt konfrontiert. Ich den­ ke an Sabotage, Drohnen, Cyberattacken, Desinformation und vieles mehr. Was muss Ihrer Meinung nach getan wer­ den? Wir müssen zum einen die Verteidigungs­ fähigkeit erhöhen. Zum anderen brau­ chen wir eine stärkere Abschreckungs­ fähigkeit. Die Länder Europas sind defen­ siv; wir wollen Stabilität, Frieden, Wohl­ stand. Wir attackieren niemanden. Die Kosten, uns anzugreifen, müssen deshalb steigen. Und wir brauchen eine umfassende Widerstandsfähigkeit von der Infra­ struktur bis zur Bevölkerung. Finnland und Schweden sind gute Beispiele. Sie sind vor Kurzem der Nato beigetreten und arbeiten sehr stark an diesem umfas­ senden Zugang. Finanzieren Investoren oder Regierungen bereits die richtigen zukunftsfähigen Tech­ nologienundStrategien? Die Nato-Staaten haben 2025 den „Fähig­ keitszielen“ zugestimmt ( Entwicklung und Aufrechterhaltung von Abschreckungs- und Verteidigungsmaßnahmen zu Luft, Land, See, Weltraum und im Cyberspace; Anm. d. Red. ). Die Länder wissen also, was zu tun ist. Aber wir brauchen mehr – und das schneller und klüger. In die integrierte Luft- und Raketenverteidigung wird bei­ spielsweise noch zu wenig investiert. Die Industrie produziert nicht genug. Und damit höhere Kapazitäten möglich sind, müssen wir in die Lieferkette investieren, etwa in den Zugang zu Seltenen Erden. Europa hat bereits entschieden, hier mehr selbst zu fördern. GeradeFrankreichhatsichmitProgrammen wie„France2030“oderdem„Terresrares“- Plan“ sehr starkgemacht. Ja, aber wir brauchen das alles schneller und in größerem Maßstab. Europa hat mehr Bürger als die USA, aber nur halb so viele Start-ups. Unsere Forscher sind bei aufstrebenden disruptiven Techno­ logien führend, doch wir haben dann achtmal weniger private Investitionen für die Umsetzung. Es geht auch darum, europäische KI-Entwicklungen tatsäch­ lich hier einzuführen. Die Nato-Staaten „Die Kosten, uns anzugreifen, müssen steigen“ » Es gibt keine klare Unterscheidung mehr zwischen Frieden, Krise und Konflikt. Die Grenzen verschwimmen. « Philippe Lavigne, Militärexperte MARKT & STRATEGIE Philippe Lavigne | Ex-Nato 156 fondsprofessionell.de 3/2026

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