FONDS professionell Deutschland, Ausgabe 3/2026
Topökonom Clemens Fuest, der Präsident des Münchner Ifo Instituts, über die Reformagenda der Bundesregierung, die größten Versäumnisse der Koalition und die Frage, welche Maßnahmen Deutschland wirklich voranbringen könnten. W enn es um die ökonomische Dia- gnose geht, findet Clemens Fuest wenig beschönigende Worte für Deutsch- land. Die wirtschaftliche Lage? Schlim- mer, als es auf den ersten Blick scheint. Die Einkommenssteuerreform? Genau genommen gar keine richtige Reform. Immerhin lobt der bekannte Wirtschafts- wissenschaftler und Präsident des Münch- ner Ifo Instituts die jüngsten Anstrengun- gen der Bundesregierung und hält das Reformpaket für einen ersten Schritt in die richtige Richtung. Klar ist aber: Es braucht mehr als ein paar Schritte, um Deutschland wieder auf einen strukturel- len Wachstumskurs zu bringen. Ob die Sanierung am Ende zur Erfolgsgeschichte wird, ist für Fuest bislang noch alles andere als sicher. Herr Fuest, wenn Deutschland eine Aktie wäre, wäre es dann ein solider Substanz- wert, eine vielversprechende Turnaround- Storyoder eindrohenderSanierungsfall? Clemens Fuest: Deutschland wäre ein dro- hender Sanierungsfall mit großer Vergan- genheit, aber unsicherer Zukunft. Die Lage ist in der Tat schwierig. Das Land befindet sich immerhin seit sieben Jahren ineinerwirtschaftlichenStagnation… Die tatsächliche Lage ist noch schlimmer. Der private Sektor, der die wirtschaftliche Entwicklung langfristig trägt, schrumpft, während der Staat sich immer weiter aus- breitet. Seit dem Jahr 2015 hat das Brutto- inlandsprodukt (BIP) insgesamt inflations- bereinigt umneun Prozent zugenommen. Die privaten Investitionen sind bis 2019 gestiegen, seitdem sinken sie aber und sind mittlerweile auf das Niveau von 2015 zurückgefallen. Der Staatskonsum ist hin- gegen um 29 Prozent gestiegen. Expandie- render Staatskonsum und sinkende priva- te Investitionen führen aber auf Dauer in den wirtschaftlichen Niedergang. DieRegierunghandeltjetzt.Das34-Punkte- Programm für „Aufschwung und Beschäf- tigung“ bringt vor allemÄnderungen inden BereichenRente,SteuernundArbeitsmarkt. Wird die Regierung damit ihrem erklärten Ziel näherkommen,Wachstumzuschaffen, Arbeitsplätze zu sichern und den Zusam- menhalt zustärken? Das Paket ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber es ist noch nicht der große Wurf. Es sollte der Anfang eines längeren Reformprozesses sein. Positiv ist, dass die Regierung hier nicht nur geliehenes Geld unter die Leute bringt, sondern tatsäch- lich Strukturreformen angeht. Das ist ein Fortschritt. Bei der Rente sind die schrittweise Einfüh- rung der zusätzlichen Kapitalrente sowie Anpassungen beim Eintrittsalter die wich- tigstenReformansätze.Lässtsichmitdiesen StellschraubendasSystemaufeinesolidere Basis stellen und das Rentenniveau lang fristigsichern? „Erste Schritte in die richtige Richtung “ » Expandierender Staatskonsum und sinkende private Investitionen führen auf Dauer in den wirtschaft- lichen Niedergang. « Clemens Fuest, Ifo Institut MARKT & STRATEGIE Clemens Fuest | Ifo Institut 122 fondsprofessionell.de 3/2026
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